Insbesondere vor Weihnachten ist eine Frage ganz wichtig (so man sie sich in Deutschland überhaupt stellt), nämlich: welches Bahnsystem ist das beste?
Die Wahl hat man ja im Wesentlichen zwischen drei größeren Systemen, nämlich Carrera, Ninco und Scalextric - zu nennen ist auch noch Karstadts Racy auf Artin-Basis. Gleich vorweg: eine Antwort kann nicht eindeutig ausfallen, sondern richtet sich nach den Wünschen und Erwartungen der potenziellen Fahrer.
Für viele in Deutschland dürfte Carrera die erste Wahl sein, denn mit
diesem Namen verbindete sich hierzulande der Slotracing-Mythos im Spielzeugbereich am meisten. Ob das auch für China gilt, ist mir nicht ganz klar, jedenfalls produziert Carrera hier. Das Schienenmaterial ist sehr hart, sehr starr, verwindungssteif und glatt. Die Nähe zu Clubbahnen aus Holz wird hier häufig betont. Der nur schwach magnetische Edelstahl-Leiter und die durch mehrere Zusatzklammer fest verbindbaren, recht übergangsfreien Schienen verstärken diesen Eindruck noch.
Ninco
ist ein spanischer Hersteller, der auch in der EU produziert. Das
Ninco-Bahnsystem ist ungefähr das Gegenteil des Carrera-Systems: Die
Fahrbahnoberfläche ist rau, der Leiter ist stark magnetisierbar und
nicht korrosionsfrei. Die Schienen sind sehr flexibel und deren Riege werden nicht in
Querrichtung verklammert.
Scalextric stammt aus England, hat eine sehr lange Tradition im
Slotracingbereich und produziert, wie Carrera auch, in China.
Vermutlich liegt das daran, dass die Chinesen versprochen haben, im
Gegenzug das englische Rentensystem zu finanzieren o.Ä. Das
Schienenmaterial ist schmaler als bei Carrera und Ninco, hat eine
glatte Oberfläche und mittelstark magnetisierbare Leiter. Es ist als
Weichplastikmaterial auch flexibel.
Für die Kaufempfehlung gehen wir von drei denkbaren Szenarien aus, die zu den entsprechenden Bahnsystemen passen könnten:
Szenario 1: Fest installierbare Bahn. Ausreichend Platz. Ambitionen auf Clubbetrieb und extreme Drifts. Erfahrene Fahrer. Empfehlung: Carrera.
Szenario 2: Häufiger Auf- und Abbau. Interesse an hoher Geschwindigkeit und leichten Drifts ohne viel Tuningmaßnahmen. Kinder fahren gelegentlich mit. Empfehlung: Ninco (Auf Ninco werden aber auch schöne fest installierte Bahnen aufgebaut, wie etwa LeMans ).
Szenario 3: Häufiger Auf- und Abbau. Platzangebot nicht üppig. Ambitionen auf clubähnliches Fahren mit vielen Drifts. Kinder fahren gelegentlich mit. Empfehlung: Scalextric Sport.
Carrera
hat die breitesten: 19,8cm Schienenbreite lassen viel seitlichen Platz,
und von Slot zu Slot gibt es satte 9,9cm Abstand. Für den Maßstab 1:32
(Evolution) ist dies üppig. Inwiefern es aber wirklich ein problemloses
Fahren von Fahrzeugen im Maßstab 1:24 (Exclusiv) zulässt, ist nicht
unumstritten. Die Standardgeraden sind 34,5cm lang (damit hat Carrera
also nicht die längsten).
Das Material wirkt vom Griff her edel, aber auch etwas spröde, was mit der hohen Härte einhergeht. Sorgfalt beim Auf- und Abbau ist damit vonnöten, dafür schadet eine längere Lagerung der Schiene nicht: Verformungen kommen praktisch nicht vor, doch kann das Material bei ruppigem Gebrauch brechen. Die Oberfläche fasst sich glatt an. Der Leiter ist im Slot durch einen Kunststoffsteg isoliert. Die Breite des Schlitzes beträgt durch das feste Material absolut konstante 3mm bei 7mm Tiefe.
Ninco
hat die längsten: die Standardgerade misst stattliche 40cm, bei
immerhin noch 18,0cm Breite. Seitlich sind jeweils 4,5cm Platz. Ninco
setzt voll auf leichten Aufbau und Trittfestigkeit. Wenn der Leiter
nicht verbiegt, ist die Schiene tatsächlich auch gegen Tritte und Stöße
recht unempfindlich, was wichtig sein kann, wenn kleinere Kinder im
Haushalt sind und die Bahn auf dem Teppich aufgebaut wird. Leider ist
das weiche Plastikmaterial nicht ganz gegen Deformationen gefeit. Für
den normalerweise 2,3mm breiten und 6,2mm tiefen Schlitz bedeutet das
zum Beispiel, dass gegen Schienenende bzw. im Bereich von Aussparungen
der Spalt enger wird. Abhilfe schafft da etwa ein Ein-Euro-Stück, mit
dem man einmal den Schlitz in jeder Spur abfährt. Die einfachen Stifte
der Carrera Go sind übrigens für den Ninco-Schlitz zu breit. Sie müssen
stark zusammengepresst werden, um nicht steckenzubleiben.
Das Material ist flexibel und hat einen hohen Grip, da es eine stark und dauerhaft raue Oberfläche hat. Sonderschienen wie "Schnee-Effekt" sind allerdings auch zu bekommen und haben eine Spiegelglatte Oberfläche.
Daumen drücken:
Carrera hat Daumenregler in glattem
schwarzen Kunststoff mit rotem
Stift. Das hat bei Carrera auch schon Tradition, sieht irgendwie nach
Hightech-Faustkeil aus und hat auch in der Farbenkombination etwas
Martialisches. Allerdings liegt diese Art Regler nicht unbedingt jedem
- ich selber verkrampfe damit immer etwas, und auch damals beim
Computerspielen haben mir Joysticks, bei denen der Feuerknopf oben auf
dem Griff angebracht war, nicht viel Freude gemacht. An meine
Carrera-Servo-Zeiten erinnere ich mich auch nur so, dass man auf Teufel
komm raus versuchte, durch Daumenkraft mehr Geschwindigkeit
herauszuholen und öfter schmerzende Gelenke hatte. Auf seltsame Art
sexy sehen sie dennoch aus - aber die Alternativregler (z.B. von Parma)
erhöhen den Spaß offenbar doch so weit, dass sie gerade bei Carrera
ihre Daseinsberechtigung haben.
Nincos
Pistolenregler sehen in durchsichtigem Kunststoff und
mit Spiralkabel
schon fast wie professionelle Regler aus. Ihr Widerstand vom 55Ω ist
ein recht ordentlicher Kompromiss für die Heimbahn, und sowohl Autos
von Carrera als auch Scalextric lassen sich damit ausreichend zügig
bewegen.
Die Regler von Scalextric haben irgendwo sicher mal einen Preis für
formschöne Bananen mit Abzug bekommen. Sie
wirken schon von allen drei
Systemen am ulkigsten.
Comments
Danke!
Hallo, erstmal danke für die informative Seite - und besonderen Dank für diese Zeile:
"Scalextric stammt aus England, hat eine sehr lange Tradition im Slotracingbereich und produziert, wie Carrera auch, in China. Vermutlich liegt das daran, dass die Chinesen versprochen haben, im Gegenzug das englische Rentensystem zu finanzieren o.Ä."
Da knie ich in Ehrfurcht nieder...
TH
Naja normal bin ich nicht so
Naja normal bin ich nicht so ein Chauvinist, aber mir geht das schon auf den Keks, sich besonders deutsch, englisch, österreichisch oder so zu geben, aber die Produktion in XY zu haben "weil et iss ja so billich da, so billich"
----
Immer schön im Slot bleiben.
Post new comment