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Ninco: Schienen

"Liebe auf den ersten Grip" oder "das drift sich nicht gut"?

Es ist offensichtlich, dass man sich bei Ninco einige Gedanken um das Bahnsystem gemacht hat und hier bewusst vom Weg abgewichen ist, den insbesondere Carrera eingeschlagen hat - und vermutlich ist hier auch im Vergleich der größte Kontrast spürbar: in eigentlich allen Belangen unterscheidet sich das Ninco-Material vom Carrera-Schienenmaterial, soviel sei hier verraten, und angeblich unterscheiden sich damit auch Carreraristi von Ninco-Aficionados.

 Solch einem plumpen Fetischismus, der sich vom Material wegbewegt und nun auch noch auf die Besitzer von Autorennbahnen beziehen soll - getreu dem Marxschen Motto von der materiell bestimmten Grundlage des Geistes -, frönen wir hier allerdings nicht, sondern setzen mehr auf einen demokratischen Pluralismus.

"Made in Europe" - mit kleinen Einschränkungen

Apropos Demokratie und insb. Globalisierung: Zunächst soll nicht unerwähnt bleiben, dass Ninco zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein genuin europäischer Hersteller ist, d.h. dass - soweit die Produktinformationen reichen - von Ninco sowohl in Europa entwickelt als auch produziert wird, und zwar in Barcelona, einer Stadt, die auch andere Hersteller interessanter Slotcars wie Team Slot beherbergt und sich daher für eine Pilgerfahrt (am besten im Elektroauto) sehr empfiehlt. Das ist tatsächlich recht einmalig für einen der größeren Hersteller, denn sogar Revell, die über Monogram versuchen, zumindest historisch und vom Image her an glorreiche US-Slotracing-Zeiten anzuknüpfen, haben überall ein "Made in China" drauf ... und alles im deutschen Slotracing-Bereich sowieso (das nur, wenn euch wieder mal jemand auf der Straße fragt, ob euch die Japaner mal die Rente zahlen, wenn ihr kein deutsches Auto fahrt).

Der spanische Weg ist also ein etwas anderer - wenn aber die Gerüchte stimmen, dass die Firma Ninco von ehemaligen Mitarbeitern von SCX gegründet wurde (wobei SCX wiederum als spanische Division von Scalextric gehandelt wird), so zeigt sich hier eine historische Kontinuität: das eingesetzte Kunststoffmaterial ist ein recht weiches PE, als solches weist jedenfalls die Schienenrückseite es aus  , an der man auch eine angegebene Betriebsspannung 12V Gleichstrom erkennen kann, die mit den Netzteilen, die mit 14,8V ausgewiesen sind, natürlich nominell nicht allzu viel gemein hat.

Der Biegsamkeit des PE verdankt das Nincomaterial seine erste große Stärke - die praktische Unverwüstlichkeit. Der Einsatz weichen PE-Kunststoffes und eines ausgereiften Verbindungssystems hat jedenfalls folgenden Vorteil, der gegebenenfalls sogar kaufentscheidend sein kann: Die Bahn ist im Aufbau sowie im Abbau quasi handzahm. Im Experiment am lebenden Objekt vermögen sogar Vierjährige unter Aufsicht die Bahn zusammenzustecken und auseinanderzunehmen, ohne dass irgendwo ein Zapfen abbräche. Die Bahn kann als völlig trittfest gelten (für Überfahrten gilt dies natürlich nur bedingt), was sowohl bei den in Wohnungen üblichen Platzverhältnissen als auch bei der Anwesenheit kleinerer Kinder (oder ihrer gegenüber Erklärungen fast völlig resistenter Zeitgenossen wie etwa Haustiere) als unabdingbar für den Spielwert gelten kann. Nichts wäre ja schlimmer, als wenn man beim Rennen auch noch immer darauf bedacht sein müsste, dass der Rennbahn kein Schaden geschieht - es ist ja schon schlimm genug, wenn jemand meint, mit Vitrinenautos fahren zu müssen und dann bei jedem Abflug die Mitspieler mit Ermahnungen nervt, damit ja kein Kratzer ans Gerät kommt und alle Spiegel dranbleiben. In Bezug auf die Bahn besteht fast kein Anlass zur Sorge - es ist zwar denkbar, dass man mit großer Gewalt auch die Ninco-Schienen zertrümmern kann, doch ist dazu schon der Vorsatz einer kriminellen Handlung nötig. Die Beschaffenheit des Materials ist aber Fluch und Segen zugleich, wobei die Beurteilung sicher davon abhängt, was der Anwender wünscht.

"Breiter, tiefer, schneller"

Die Gestaltung der Fahrbahn scheint, im historischen Kontext gesehen, nach der Maxime, "breiter, tiefer, schneller" ausgerichtet zu sein, die zu einem andernorts als "Rallye-verrückt" bezeichneten Spanien in vielen Belangen zu passen scheint. Die Schienenbreite beträgt 18cm, die Spurbreite ist mit 9cm auch beachtlich, so dass man sich hier für den Maßstab 1:32 des zweitgrößten Materials am Markt rühmen kann (im Vergleich ist Carrera mit 19,8cm noch einmal breiter, dabei wird das Material aber auch für den Maßstab 1:24 eingesetzt). Auf maßstäbliche 5,76m Straßenbreite kommt man also bei Ninco, was aber beim Autorennen für weniger Berührungen zwischen den Kontrahenten sorgt, als man in der richtigen Welt vermutlich bei solchen Dimensionen und maßstäblichen Geschwindigkeiten jenseits der 300km/h erwarten könnte. Nur nebenbei wäre ja ohnehin zu überlegen, ob man die real existierenden Autorennen nicht ersatzlos durch spurgebundene Elektrorennen ersetzen könnte...
Die Information, dass die optional erhältlichen Außenrandstreifen 4,8cm breit sind, habe ich bisher vergeblich gesucht und daher mit einem ungeeichten Lux-Stahlmaßband nachgemessen. Innenrandstreifen gibt es übrigens auch für alle Kurvenradien, scheinen aber nur beim kleinsten Kurvenradius R1 bzw. bei Schikanen aus Rechts-Links-Kombinationen wirklich erforderlich.
Man hat also maximal 9,3cm Platz zum Driften (4,5cm Fahrbahn und 4,8cm Randstreifen) - wenn ich hier auch noch nicht mit einer Detailbeschreibung aufwarten kann, da das magnetlose Schleuderfahren erst demnächst auf der Agenda ist und mit Blick auf die weiter unten beschriebene Fahrbahnoberfläche ohnehin ein Punkt für sich sein dürfte. Die Breite des Slots ist verhältnismäßig sicher mit 2mm angebbar, vom Hersteller intendiert sind vermutlich aber 2,5mm (auch dazu unten mehr).

"Grat und Gräben"

Zur Tiefe/Höhe der ganzen Angelegenheit ist zweierlei zu sagen. Zunächst bauen die Schiene an sich 9mm hoch - wer die Bahn evtl. in einer Holzplatte versenken will, muss also entsprechend dicke Platten einsetzen. Die Tiefe des Slots  beträgt nach Herstellerangaben 6,5mm - das dürfte über ein Messkunststück auch richtig sein. Warum nur über einen Trick? Bei einzelnen Schienentypen kann die Slottiefe im Plastikmaterial durchaus abweichen, da im Produktionsprozess teilweise Grat übrig bleibt, was durchaus einen halben Millimeter Tiefe ausmachen dürfte  . Ausgeglichen wird dies dadurch, dass der Stromleiter erhaben ist und die Leitkiele daher nicht direkt auf dem Plastikmaterial aufliegen.  . Effektiv dürfte man so wohl auf 6,5mm kommen, aber etwas mehr Präzision wäre insgesamt gewiss wünschenswert - Weichplastik hin oder her.

"Grip für Anfänger?"

 Was das Material an Elastizität aufweist, ist beachtlich, noch eindrucksvoller ist aber die Oberflächenstruktur: offensichtlich ist Ninco über jeden Verdacht erhaben, eine seidenweiche Oberfläche schaffen zu wollen - im Gegenteil nimmt man das Wort "grip" hier durchaus ernst - die Prägeschablone der Bahnoberfläche, die sich übrigens alle halbe Gerade wiederholt, nimmt es vermutlich mit jeder Feile auf und besteht aus einer Unzahl kleiner Tetraeder-Stümpfe, die sich - vor allem in Zusammenspiel mit der magnetischen Anpresskraft - förmlich in die Reifen der Slotcars krallen. Berührungen mit den Fingerknöcheln beim Auf- und Abbau gestalten sich dementsprechend interessant, bleiben aber ohne größere Konsequenzen für Mensch oder Material.  Was man gleich merkt, ist, dass dadurch eine Ausrichtung der Bahn auf größte Schnelligkeit möglich ist. Das Gleiten auf dem erhöhten Leiter dürfte dazu genauso beitragen wie die Magnetisierbarkeit der Leiter, die daher im Übrigen natürlich nicht rostfrei sind (ich habe allerdings noch keine rostigen Exemplare gesehen). Und tatsächlich liegt hier auch ein entscheidender Vorteil der Kombination von Fahrbahngrip und Magnettraktion: Man kann mit fast jedem beliebigen Startset loslegen und auf Anhieb zu ganz ordentlichen Rundenzeiten kommen. Das hat Ninco in manchen Kreisen einen Ruf als Anfängerbahn eingebracht, was aber m.E. nur bedeutet, dass die gemessenen Rundenzeiten sich zwischen erfahrenen und unerfahrenen Piloten nicht so drastisch unterscheiden mögen wie bei anderen Systemen (zu denken ist wohl an Carrera), dem Fahrspaß selber ist das kaum abträglich. Und ehrlich gesagt erschließt sich mir die Attraktivität des magnetlosen Fahrens auf glatten Fahrbahnen zumindest auf den ersten, zweiten und dritten Blick noch nicht ganz: Wenn man den Magneten entfernt und dann durch aufwändiges Herumtunen (Reifenschleifen, Ausbalancieren mit Blei etc.) endlich auf Rundenzeiten kommt, die immer noch knapp über dem Magnetbetrieb liegen, dann kann man sich ja als großer Techniker fühlen, überholt wird man aber dennoch von einem "out of the box"-Modell. Was - das nur als Quintessenz an dieser Stelle - eben wichtig scheint, ist, dass man Autos aus vergleichbaren Klassen gegeneinander antreten lässt, damit das Gefühl für den Regler entscheidet. Da hilft es auch nichts, wenn einer den anderen als "Anfänger" bezeichnet, sondern (Pluralität!) das Wandern zwischen den Welten kann hier nur empfohlen werden. Man muss sonst mal bei den Verkaufstexten eines großen Internet-Auktionshauses schauen: Da sind gelegentlich Verkäufe von Slotcars dabei, die "für meinen Sohn zu anspruchsvoll" waren ... na, solche Frustrationen muss ein angehender Slotcar-Fan ja nicht unbedingt erleiden (abgesehen davon wäre das erfolgreiche Einbinden einer Zweijährigen in den heimischen Rennbetrieb außer durch Spannungsverminderung und Magnettraktion kaum denkbar gewesen).

"Wenn die Magnetkraft abreißt"

Im Slotcar-Rennbetrieb bietet sich das Schienensystem dank des erhöhten Leiters für das oft genutzte 3-Punkt-System (Auflagefläche sind im Wesentlichen der Leitkiel und die Hinterräder, Vorderräder drehen möglichst griplos mit)  schon einmal an. Das Fahren an den Grenzen der Anpresskraft gleicht aber einem Vabanquespiel, denn die Magnetwirkung reißt gelegentlich ohne große Vorwarnung ab, was dann zu prächtigen Ab- und Ausflügen der Autos führt. Die bei Ninco erhältlichen Leitplanken (in zwei Ausführungen: rot und weiß für den Rennstreckencharakter und in einer silbernen Autobahnversion) sind zwar recht ordentliche Hilfen, doch wenn der Abflug, wie eben häufig, aus der Innenbahn der Kurve heraus stattfindet, erreichen die Autos eine Flughöhe, die deutlich über den 3cm liegt, die die Leitplanken abdecken. Die von Ninco vermutlich als Abhilfe geschaffenen Fangzäune haben den Ruf, dass in deren Maschen gelegentlich Kleinteile hängen bleiben können - mangels eigener Exemplare konnten Tests nicht durchgeführt werden, zudem entfernen wir, wenn möglich, derartig gefährdete Kleinteile am liebsten bereits vor dem Rennbetrieb, da ein kontrolliertes Entfernen einem Abriss immer noch vorzuziehen ist. Vor allem weiß man dann auch, wo die Außenspiegel, Antennen oder Zusatzscheinwerfer abgeblieben sind und muss nicht erst lange suchen.

"9 Volt als Option?"

Referenzzeiten, die es zu schlagen gilt, sind bei Ninco im Magnetbetrieb dadurch schon fast erreichbar, dass ein Durchfahren der Standardkurven (R2) bei 9V und Vollgas mit fast jedem magnetausgerüsteten Slotcar möglich ist. Wenn man die Anschlussgerade "Motorsport" besitzt, bei der beide Spuren getrennt eingespeist werden, kann man hier mit einem entsprechenden Trafo ein Autopilot-Fahrzeug auf die Bahn bringen - ich vermute, dass die mögliche Vollgasspannung noch etwas höher liegen dürfte, so dass man dort auch ohne Scalextric-Challenger-System bereits einen ganz ordentlichen Gegner auf die Spur setzen kann, insbesondere bei sehr kurvigen Strecken. Die von mir eingesetzten regelbaren Netzteile sind allerdings dazu mit einer zu groben Stufung ausgestattet. Dies ist allerdings vor allem dann eine Option, wenn man lediglich die Grundpackungen einsetzt, d.h. auf Bahnen mit langen Geraden verzichtet. Falls man längere Geraden einsetzt, sind die 9V bei weitem nicht mehr hinreichend, bei Bahnen mit Rallye-Layout (R1er-Kurven) aber durchaus eine Option.